Der Hinterhof, in dem das Haus mit unserer WG liegt, ist meist ein lebhafter Ort. Thais, Chinesen, sowie M. und ich als einzige Farangs (Ausländer) bewohnen den Mikrokosmos, in dem viel gearbeitet und noch mehr getratscht wird. Besonders wir geben der Nachbarschaft, die uns ansonsten geflissentlich ignoriert, ordentlich Gesprächsstoff.
Die Nachtruhe endet sanft, wenn gegen fünf Uhr in der Früh die Vögel ihr Konzert beginnen und der Muezzin aus einer nahegelegenen Moschee zum Gebet ruft. Dann gehen die ersten Rolltore hoch und runter, die bei den thailändischen Shophäusern statt Türen üblich sind. Ab Morgens um acht klimpern und klappern mehrere Handwerker mit Plastikrohren, gusseisernen Verbindungsstücken und Stahlmuffen, die sie aus diversen Lagern der Häuser auf Transporter packen, um sie zur Werkstatt zu transportieren, die um die Ecke liegt.
Die Mönche aus dem nahegelegenen Kloster betreten den Hof und rufen, um die Essenspenden der Familien für den Tag einzusammeln. Später starten die Frauen mit ihrer Wäsche, die Söhne der Familie bringen die Autos, die gern und zahlreich geparkt werden auf Hochglanz. Der Eismann kommt mit seinem Roller in den Hof, und fährt dabei eine kleine fröhliche Erkennungsmelodie vom Endlosband ab. Ab und an treffen sich die älteren Damen des Hofes, um in geselliger Runde vor dem Haus eine grüne süße Leckerei aus Klebreis in Förmchen aus Bananenblättern zu füllen und zu dämpfen.
Wir fallen völlig aus dem Rahmen. Farangs, die statt in einem dieser möblierten Apartments in bewachten Hochhäusern inmitten anderer Farangs zu leben, freiwillig in ein Shophaus ziehen. Undurchsichtige Verhältnisse, weil hier ständig fremde Personen ein- und ausgehen, darunter exaltierte tuntige Maskenbildner und hysterische Frauenzimmer (manchmal auch hysterische Maskenbildner und tuntige Frauen), vor allem aber überwiegend Männer. Und wenn morgens um 6 unser Rolltor aufgeht, ist nie so ganz klar, ob jemand von uns gerade das Haus verlässt oder vielleicht erst von einer Party zurückkehrt.
Mangels thailändischer Sprachkenntnisse sind auch meine Kontakte zur Nachbarschaft äußerst begrenzt. Grundsätzliche Dinge lassen sich aber klären. So habe ich zum Beispiel schon verstanden, als vor ein paar Monaten die Nachbarin kalt lächelnd andeutete, sie würde unsere Katze irgendwie „entsorgen“, sollten wir sie weiter in den Hof lassen, wo sie an ihren Pflanzen knabbert.
Gestern wiederum öffnete ich tagsüber die Tore weit, da ich den Boden des Erdgeschosses gründlich wischen wollte. Die Katze hatte vor einer Weile in irgendeine versteckte Ecke gepinkelt, und wie üblich in Wohngemeinschaften, wird das von allen so lange ignoriert, bis es derjenige anpackt, den es am meisten nervt.
Kaum ist das Tor geöffnet, geht der Tratsch der Omi-Clique los, die gerade wieder schräg gegenüber Klebreiskuchen kocht. In ihren Sätzen kommt oft das Wort Farang vor. Vermutlich sagen sie so etwas wie „Schaut mal, der Farang putzt den Boden.“ „Ja, tatsächlich, der Farang wischt den Boden, hahaha.“ Eine der Frauen schlurft herüber, spricht mich an: Brabbel, Brubel, Meow, Meow“. Sie will wohl wissen, wo die Katze ist, und lugt neugierig ins Innere.
Ihr Blick geht auf den Stapel Altpapier, der bereits die Höhe von einem Meter erreicht hat. Sie deutet auf den Turm und dann auf sich. Sie möchte das Altpapier haben. Ok, kein Problem. Gemeinsam stapeln wir die alten Bangkok Post-Ausgaben draußen auf. Wieder Gelächter und weitere Farangsätze der Omis. „Die Farangs lesen aber viel. Hahaha. Warum sammeln die Farangs das Papier so lange? Hihihi. Jetzt verschenkt der Farang die Zeitungen. Hehehe.“ Die Neugierige gibt mir die Hand, sagt „Thank You.“ Kommt wieder zurück und drückt mir eines der Klebreistörtchen in die Hand, von dem ich gleich koste. „Arroi“, lecker, bedanke ich mich, was die Damen freut. Ich interpretiere so was wie: „Hahaha, der Farang sagt Arroi. Huhuhu, dem Farang schmeckt der Klebreis.“
Manchmal wäre es schon interessant, verstehen zu können, was da so alles in der Nachbarschaft getratscht wird. Vermutlich aber wird es besser sein, ahnungslos zu bleiben.
2009 22 Jan
Neues aus der Nachbarschaft
Beitrag verlinken: Trackbacklink | Tags: Bangkok, Nachbarschaft, Tratsch
Dieser Beitrag wurde geschrieben am Donnerstag, 22. Januar 2009 und wurde abgelegt unter "Alltag, Thailand". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Du kannst hier einen Kommentar hinterlassen, oder einen Trackback senden von deiner eigenen Seite.
2 Kommentare
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Shakesbeer:
Bangkok würde mich unglaublich reizen …
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dacio:
irgendwie lustig – aber dann kannst du ja doch schon einiges an thai!;-)
aber stimmt, ich kenne auch nur leute, die innerhalb farang-gemeinschaften leben. ich find das viel interressante, mich mit einheimischen zu umgeben, wie wir es ja auch planen.grüße!
