Vier Wochen war der Ex nun in meiner unmittelbaren Nähe, saß tagsüber in meiner Küche, schlief nachts neben mir in meinem Bett. Kein persönlicher Groll störte die gemeinsame Arbeit in dieser Zeit, Pläne fürs Business beflügelten die Fantasie. Den Alltag konnten wir wieder soweit miteinander teilen, das Ausgehen und Treffen von Freunden möglich war. Ein Stück weit war es wie „früher“, als ich das Ex noch nicht vor meinen Freund setzten musste. Fatal nur, das ich erneut den Trugschluss hatte, die neue Nähe erzeuge eine neue Offenheit. Am letzten Abend, als ich den Versuch unternahm, die vergangenen Wochen gemeinsam zu bewerten, wurde ich abgeblockt. Der alte Affe Angst ergriff ihn wieder, wie immer, wenn es ihm zu nah geht. Erneut eine frustrierende Erfahrung für mich, denn ich versuche Offenheit durch eigene Öffnung einzuleiten. Ich habe von meinen heimlichen Tränen erzählt, die ich vergossen habe, als wir gemeinsam „Shortbus“ angeschaut hatten. In der Liebesgeschichte des schwulen Paares hatte mich wiedererkannt. Ich habe auch von der Freude gesprochen, die ich an dem einen Abend empfand, als ich seine Hand beim Einschlafen hielt.
Auch mein Verhaltensmuster ist das alte. Ich lechze nach Nähe, weil ich nur in ihr das Vertrauen in ihn zu finden glaube, das ich suche. Mich mit meinen Wünschen auf Abstand zu halten, ist da aus seiner Sicht nur konsequent. Leider tut mir das Wechselbad aus gewährter Nähe und brüskierender Abwehr nicht gut. Mein in den vergangenen Monaten aufgebauter Schutzschild ist zerbröselt, meine Stimmung im tiefen Keller angelangt. Eigentlich wäre ein konsequenter Schnitt das Vernünftigste …

Seit Dienstag schon hat der Trauerkloß bei sich daheim den Stummfisch zu Gast. Der kam zurück aus dem fernen Südostasien, nach langen Wochen.
C. hat sich im Griff, meistens jedenfalls. Nun, da er gelernt hat, das er immer die Silbe „Ex“ in allen Sätzen an die Stelle setzen muss, wo er von seinem Freund redet. M., der Ex. Aber dann gibt es diese Blues-Momente, ab und an. Dann kommt ihm dieser neue Zusatz so blöd vor. Morgens auf dem Weg zur Arbeit, wenn C. in der Straßenbahn sitzt, die gerade den Rhein überquert. Und auf dem Heimweg, wenn er über die hölzerne Brücke der Fachhochschule läuft. Dann trübt sich sein Blick. Oder wie heute, als plötzlich im Radio der alte Ton, Steine, Scherben-Song läuft: „Komm, schlaf bei mir“. Ein Liebeslied. C. berichtet M. am Telefon von dem Song und dem Blues, der daraus entsteht und M. weiß gar nicht, was er darauf antworten soll. Rio Reiser (Foto) beschwört am Ende immer und immer wieder diesen Wunsch: „Schlaf bei mir“. Es hört sich so an, als sei sein Flehen vergebens…

C kehrt zurück nach Köln. Nicht nur, weil er gerade krank ist, sondern auch, weil Ms Vorstellung davon, wie das Beziehungsmodell mit ihm, E, J und C funktionieren soll, in der ersten Woche komplett schief gegangen ist. C will sich keinen weiteren Enttäuschungen mehr aussetzen und geht. Alle sind sehr traurig, nur E freut sich. Er verbucht für sich einen Punktsieg. E wird sich täuschen, C will die Beziehung mit M auf keinen aufgeben und dafür kämpfen. Und M wird sich für ein Modell entscheiden müssen, das entweder alle zufrieden stellt, oder bei dem er einen Teil seines Lebens hinter sich lässt.
C ist seit ein paar Tagen in Bangkok, und fühlt sich bereits vernachlässigt. C argumentiert: Wenn M bereits so viel Zeit in den vergangenen Wochen mit E verbringen konnte und C in wenigen Wochen auch schon wieder weg muss, und man sich dann wieder für länger nicht sieht, und dann M ihm nicht ganz selbstverständlich seine Zeit widmet und Nähe schenkt, dann ist das enttäuschend. E ist eifersüchtig, obwohl ihm derzeit die meiste Aufmerksamkeit geschenkt wird. J ist irgendwie froh, das C da ist, das macht ihn etwas relaxter. Und M ist ebenfalls völlig unzufrieden, weil er derzeit die unterschiedlichen Erwartungen von keinem der ihm nahe Stehenden erfüllen kann. 
M ist zurück in Bangkok und redet mit J über E, damit der Bescheid weiß. J schickt C über den MSN-Messenger ganz viele weinende Smilies. M will nicht mit J ausgehen, er will E sehen und verlässt das Haus. J schickt eine SMS, das er zu einem Freund fährt und dort übernachten wird, bleibt aber zu Hause. M bringt E mit ins Haus, dass er sturmfrei wähnt. N (der Untermieter im Haus) schickt C per Messenger eine Live-Reportage: „Something is wrong. J is talking very loud. He is fighting with E. Now M und E leave the house“ J klingelt bei C an, noch ganz im Drama-Queen-Modus: „I can stay, i can go or i kill myself.“ C ruft M an und schimpft, das Gespräch endet abrupt. Dann gehen erst mal alle schlafen. Das Drama-Queen-Dasein ist anstrengend.
Inzwischen kommt man sich vor wie in einer schlechten Telenovela: Heute meldet sich über gayromeo ein Ch aus Paris bei C. Er kenne E in Bangkok durch mehrere Besuche nun bereits etwas länger, und er sei verliebt in ihn. Aber E hätte nie von Liebe zu ihm gesprochen. Und nun ist da aber M ganz neu im Spiel, und das verstünde er nun überhaupt nicht. Ch hat allerdings momentan noch einen Boyfriend, mit dem wolle er aber nicht mehr zusammen sein, er wolle E. „Warum lässt du es zu, das sich dein Freund in E verliebt?“ stellt Ch die Frage an C. Falsche Frage Ch. Setzen, und nochmal das Kapitel über die Liebe und ihre Besonderheiten durcharbeiten. M meint, Ch sei möglicherweise ein Faker, das Profil ist relativ neu, ohne irgendwelche Verlinkungen zu Freunden. Nur welchen Sinn soll dieses idiotische Spiel dann haben?