
Seit ein paar Wochen kreisen die Geier am Rudolfplatz. Anfang Januar haben sie ihren Horst notdürftig in einem kleinen Ladenlokal an der Ecke Friesenwall, einem ehemaligen Fotoladen, bezogen. Von dort schwärmen sie aus und umschwirren alle ahnungslosen Fußgänger: „Hallo, wollen sie mal kostenlos die Citibank-Kreditkarte testen?“ Es gibt zwei Probleme. Die Geier haben nur ein Drei-Minuten-Gedächtnis, und ich muss einfach ab und an zum Rudolfplatz, um in die Bahn zu steigen. Ich habe bereits alles versucht: Böse zurück gucken, auf den Boden starren, interessiert in die Ferne blicken, „Nein“ knurren. Nichts hält die schrägen Vögel davon ab, mir beim nächsten Mal wieder in den Weg zu treten. Gestern meinte ich noch recht höflich zu dem dicken Obergeier mit Brille: „Merken Sie sich mal mein Gesicht, ich möchte nicht dauernd von Ihnen angesprochen werden.“ „Deshalb spreche ich sie ja an“, antwortet Brilli-Vogel völlig unlogisch und wirft mir ein beleidigtes „Schönen Tag noch!“ hinterher.
Was soll ich als nächstes tun? In Gutsherrenmanier „Aus dem Weg!“ brüllen? Schwierig, ich besitze weder Pferd noch Kutsche, mit denen ich durch die lästige Meute preschen könnte. Nicht mal einen Spazierstock habe ich zum zornigen Fuchteln. In meiner bösen Fantasie ist der Konflikt längst eskaliert. Ich würde jedes Mal „Verpiss Dich“ zischen, dem Obergeier würde ich eine lautstarke Szene machen auf dem Platz („moderne Wegelagerei, lästiger als Schmeißfliegen“, usw. usf.), solange, bis die Leute zusammen strömen und mir applaudieren. Irgendwann, so hoffe ich, sind die Kreditkarten-Dealer dann so frustriert, dass sie den Laden wieder zumachen. Na ja, wahrscheinlicher ist, dass ich künftig nur noch am Friesenplatz ein- und aussteige.
