Die Story war einfach zu schön. Ein junger, schnuckeliger Mormone kommt aus den USA nach Deutschland, um hier zu missionieren. Über die Erlebnisse mit seinen Glaubensbrüdern berichtet er in einem Weblog. Und weil er stark im Glauben, jedoch unsicher ob seiner sexuellen Orientierung zu sein scheint, bekommt das Blog einen sehr homoerotischen Unterton. Wenige Wochen später ist der Mormone Aaron wieder aus dem Netz verschwunden. Dafür taucht plötzlich ein selbsternannter Blogbeobachter auf, und behauptet: Alles war Schwindel. Viele Blogrolls, die zu Aaron verlinkt hatten, müssen nun aktualisiert werden. Von dem vermeintlichen Mormonen sind nur noch Textschnipsel über die Google-Blogsuche greifbar.
Fakeblogs sind nicht neu. Wer sich ein wenig bei den Bloggern umhört, wird schnell ähnliche Geschichten hören. Obwohl seit der Erfindung des Webs allen Internetnutzern irgendwie klar ist, das sich in Chats und Kontakteplattformen immer Scheinidentitäten verbergen können, ist die Enttäuschung immer dann besonders groß, wenn sich ein Weblog als große Lüge enttarnt. Gerade den privaten Logbüchern wird automatisch eine große Authentizität zugesprochen. Und der persönliche Kontakt gesucht. Stellt sich dann heraus, das sich der Blogger eine Scheinwelt im virtuellen Raum aufgebaut hat oder gar nicht existiert, fühlt man sich betrogen.
Interessant am Fall Aaron ist: Der Blogbeobachter kann den Urheber der Fälschung ausmachen. Juliaan B. Schnitter sei der Übeltäter. Das würde passen. Schließlich hat sich der Herr aus dem Raum Hamburg bereits mit seiner Website www.gaywinner.info eine komplett gefakte schwule Onlineredaktion mitsamt nicht existenter Firma und vielen Mitarbeitergeistern erschaffen. Über seine dort veröffentlichten aggressiven Attacken gegen das Portal Eurogay, das Magazin Queer und viele andere reale Personen, hat er es hinbekommen, über alle Gebühr Aufmerksamkeit zu erlangen. Nur: woher weiß der Blogbeobachter so viele Details über den Mann, der ein A zu viel im Vornamen hat? Eine Möglichkeit: Er selber hat den Schwindel auffliegen lassen, und erklärt ihn jetzt allen Gehörnten als vermeintlich neutrale Instanz. Das wäre dann ein Doppelfake, den wahrscheinlich nur Herr Schnitter lustig findet.
