Ein Beitrag zur deutsch-türkischen Völkerverständigung? Eine billige Verkaufssteigerungsmaßnahme zur WM? Eine deutsch-türkische Gemeinschaftsproduktion, unterstützt mit Fördermitteln der EU? Gesehen im Shisha-Shop am Rudolfplatz.
Archiv: Juni 2006
Es gibt keinen Grund mehr, sich zu überlegen, ob man 100 Euro für das Ticket zum Madonna-Konzert ausgeben möchte. Denn Madonna ist bereits seit Tagen in Köln, spielt live und kostenlos auf den Straßen. Naja gut, diese Madonna unplugged sieht eher aus wie ein Student mit einer Gitarre in der Hand und einem Spendenhut vor sich auf dem Pflaster. „Every little thing that you say or do, I'm hung up, I'm hung up on you“, singt er mit Inbrunst und es macht sehr viel Spaß ihm zuzuhören. Endlich mal keine drögen Folkballaden, sondern Diven-Pop. Sonst klampft er in der Bahnhofsgegend, aber in der Kettengasse, wo zwei schwule Cafés liegen, kommt sein Madonna-Repertoire besonders gut an…
Es ist warm. Sehr warm in der Apotheke, in der ich gerade stehe. Nicht nur das Wetter, auch die grelle Beleuchtung sorgt in dem niedrigen Verkaufsraum für einen Hitzestau. Mit mir warten sechs Kunden darauf, bedient zu werden. Hinter der Theke steht eine Apothekerin. Die Apothekerin ist serviceorientiert. Das ist an und für sich löblich, das man sich so viel Zeit nimmt, wie nötig, damit der Kunde sich verstanden und beraten fühlt. Ich fühle mich unverstanden. Weil die Dame im weißen Kittel gerade umständlich bei einer Omi den Blutdruck misst. Und ihr die Werte in eine Karte mit Ampelsymbolen einträgt. Und weil der Rest des Personals beschlossen hat, im hinteren Teil des Ladens zu verweilen, um zu telefonieren oder Salben zu rühren. Bei der Omi ist alles im grünen Bereich, meinen Blutdruck sollte man im Moment lieber nicht messen. „Bitteschön?“ flötet die Apothekerin nach gefühlten drei Jahrzehnten Wartezeit. Es ist mir peinlich, mit einem Pulk im Rücken über meine Gebrechen zu sprechen, deswegen murmle ich: „Ich brauche eine Salbe gegen Hautpilz“ „Wie bitte? Ich habe jetzt kein Wort verstanden.“
„Ich brauche eine Salbe gegen Hautpilz“, wiederhole ich einen halben Dezibel lauter.
„Was soll es denn sein? Canesten? Canesten Extra?“
„Das Günstigste.“
„Das Günstigste? Dann müssen sie aber viel mehr schmieren…“
„Ist mir wurscht. Das Günstigste.“
Der Apothekerin steht trotz professionellen Lächelns ins Gesicht geschrieben, das sie in mir einen schwitzenden, nuschelnden Geizkragen sieht, als sie mir Fungizid von Ratiopharm reicht. Für meine Unhöflichkeit rächt sie sich beim Bezahlen: „Das müssen sie jetzt zwei – bis dreimal täglich einreiben. Für die nächsten zwei bis drei Wochen!“
Nanu, hat Special Agent Jack Bauer bereits ausgeschlafen? Wo er doch gerade eben erst seinen fünften 24 -Stunden Job erledigt hat. Schon rennt er wieder durch die Gegend und rettet den Präsidenten. Aber nein, Kiefer Sutherland spielt hier gar nicht den Agenten der Counter Terrorist Unit in Los Angeles, er mimt den Geheimagenten David Breckinridge in Washington. Der Kinothriller „The Sentinel“ fühlt sich ansonsten fast wie die TV-Serie „24“ an. Man weiß nicht genau, wer der Gute und wer der Böse ist, und böse Terroristen drohen den US-Präsidenten zu ermorden. Im Interview mit dem Magazin „Galore“ hat Sutherland (Jahrgang 66) seine Vertragsverlängerung für „24“ bis 2009 bestätigt. Damit sind noch mindestens zwei Staffeln und möglicherweise auch noch ein Kinofilm gesichert. Ich finde das prima. Noch ist das Konzept dieser Serie nicht ausgeleiert. Und irgendwie ist Kiefer Sutherland auch ein sexy Schauspieler, finde ich.
Ich bin seit jeher gegen irgendwelche Nationaltümelei, und habe deswegen nicht so sehr viel Verständnis für Beflaggung, speziell im privaten Bereich. Aber nun gut, es ist halt nicht so oft WM in Deutschland, da hält man das Schwarz-Rot-Gold an jedem Fenster halt irgendwie ein paar Wochen aus. Die Werbung, die auf Teufel komm raus versucht, einen Bezug zum Sportevent herzustellen, erträgt man ja auch schon seit Monaten (Wobei „Augen auf zur WM“ von einem lokalen Augenoptiker und „Ganz Ohr mit der WM“ vom Hörgeräteakustiker am selben Platze wirklich ganz ganz dolle wehtun). Nur, ich finde, diese Christo-artige Verhüllung des Balkons von unserem Nachbarn im Haus gegenüber, die ist nun wirklich übertrieben. Auf der Stelle laufe ich jetzt in den Keller, suche die alte Regenbogenfahne vom letzten CSD-Stand und werde auf unserem Balkon damit die WM-freie und dennoch fröhlich bunte Zone ausrufen.
2006 13 Jun
Geistergeschichten mit Sali
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Am Mittwoch wird Sali in seinem Heimatort Si Kaket beigesetzt. Den buddhististischen Ritualen entsprechend mit einer Feuerbestattung. Micha und Jay werden mit dem Nachtzug dorthin reisen und teilnehmen, ebenso ein Trupp seiner Kollegen aus dem MK-Restaurant. So lange ein Verstorbener noch nicht mit Mönchsgebeten und Trauerfeier zur letzten Ruhe begleitet wurde, kann dieser noch ziemlich unruhig sein, zumindest in der Wahrnehmung der Hinterbliebenen. So rief gestern abend MK-Ladyboy Kert bei Jay an. Man habe im Restaurant Geld gesammelt, das man Salis Eltern übergeben wolle. Und der Mann, der das Geld eingesammelt habe, hätte plötzlich nicht mehr laufen können, so als ob jemand sein Bein festhalten würde, berichtete Kert. Erst, als jemand anders sich bereit erklärt habe, das Geld zu verwalten, hätte der Mann wieder sein Bein bewegen können. Und dann ist da noch Mr. Noodle. Der verkauft Nudelsuppe auf der Straße und wohnt im selben Haus in Bangkae wie Sali. Der hätte bis gestern noch nicht gewusst, das Sali gestorben ist, sagt Kert. Aber er hätte sich gewundert, warum in Salis Zimmer die ganze Nacht über das Licht immer wieder an und aus gegangen wäre…
Das letzte Mal habe ich ihn auf Jays Geburtstagsparty gesehen, Anfang diesen Jahres. Es gibt leider nur dieses verwackelte Foto von dem Abend, wo er rechts neben Micha sitzt. Gestern kam die Nachricht, das er gestorben ist. Nicht in Bangkok, sondern bei seiner Familie, irgendwo auf dem Lande. Sali war ein Freund von Jay, wohnte im selben Haus im Stadtteil Bangkae und war einer aus der Truppe der „MK-Ladyboys“, einer der Schwulen, die in der MK-Restaurantkette arbeiten. Wobei Sali anders als seine Kollegen nicht quietschte, rumtuckte oder schwebte, im Gegenteil. Er war ein bodenständiger, ruhiger, zurückhaltender und manchmal etwas zu schüchterner Mensch. Sali hat im vergangenen Jahr nach einem Gelage mit Dennis und Scott, die gerade zu Besuch waren, einen völlig betrunkenen Micha aus der Sauna gezogen und im Morgengrauen nach Hause eskortiert. Micha war über seinen Filmriss beschämt, und über die Tatsache, das er nicht mehr in der Lage war , auf sich selber aufzupassen. Ich war beschämt, weil ich mich selber nicht mehr in der Lage fühlte auf andere aufzupassen, und dann der jüngere Sali diese eigentlich für mich bestimmte Rolle ganz selbstverständlich eingenommen hatte.
Das Sali zwischendurch eine Zeitlang im Krankenhaus gewesen war, hatte ich mitbekommen. Man sah ihm diesen Aufenthalt auch an. Allerdings wusste ich nicht, was ihm fehlte. Jetzt, mit der Nachricht seines Todes spricht Jay auch über die Ursache: Sali ist an den Folgen seiner HIV-Infektion gestorben.
Kurz nach 18 Uhr ist eine gute Zeit, um mit dem joggen im Lumpini-Park zu beginnen. Die täglich gespielte Königshymne ist gerade vorbei, und man muss keine Vollbremsungen mehr einplanen, weil die Leute urplötzlich bei den ersten feierlichen Klängen aus den Lautsprechern auf dem Weg stehen bleiben. Um 18 Uhr setzt zudem langsam die Dämmerung ein, man ist nicht mehr der sengenden Sonne ausgesetzt. Ich bin mir nicht so ganz sicher, ob es besonders gesund ist, bei rund 30 Grad und sehr hoher Luftfeuchtigkeit durch einen Park zu rennen, um den permanent Bangkoks Straßenverkehr tost. Außerdem zieht es Bangkoks komplette Mückenpopulation um 18 Uhr in den Park. Ich komme jedesmal mit zerstochenen Beinen zurück. Aber es tut mir irgendwie gut, spätestens nach 2,5 Kilometern mit einem klatschnassen T-Shirt durch das Grün zu hechten und zu sehen, das es den vielen anderen Joggern um mich herum nicht besser geht. Außerdem ist die Strecke spannend. Man kann fetten Waranen dabei zusehen, wie sie ihre frisch gefischte Beute zerlegen. Man kommt an Volkssport-Gruppen vorbei, die zu Thai-Disco-Rhythmen turnen. Und außerdem sitzen genügend junge Männer in Shorts und barfuß lasziv auf Parkbänken herum. Das ist nett anzuschauen, auch wenn zu vermuten ist, das den meisten dieser Männer gar nicht bewusst ist, welch erotische Wirkung sie auf homosexuelle Jogger haben können. Wenn man allerdings an der richtigen Stelle im Park anhält, um seinen Ruhepuls wiederzuerlangen, ist es auch kein Problem, ein paar „Where do you come from?“-Smalltalks mit den schwulen Thais aus der Nachbarschaft zu führen, die hier auf den Einbruch der Dunkelheit und den Beginn des Cruisings warten.
Bangkok befindet sich im einfarbigen Ausnahmezustand. Das 60. Thronjubiläum von König Bhumipol steht an, in dieser Woche beginnen die Feierlichkeiten mit Feuerwerken, einer ganz selten stattfindenden Fahrt der königlichen Barken auf dem Chao Praya, und einer unglaublichen Menge Gelb. Gelb ist die Farbe des Königs, hergeleitet vom Wochentag, an dem er geboren wurde. Die Königin hat die Farbe blau, ist also an einem anderen Wochentag geboren worden. (Ich sollte meine Farbe auch einmal erkunden, ich bin an einem Freitag geboren). Alle Kaufhäuser, alle offiziellen Gebäude der Regierung, alle Bürotürme haben überlebensgroße Bilder des Königs vor den Eingängen aufgebaut, verziert mit gelben Blumen, gelben Girlanden, und dem goldenen Wappen des Königshauses. In den Straßen werden gelbe T-Shirts verkauft. "Ich liebe den König“ steht drauf, in Thai. In der schlichteren Variante ist es nur das Königswappen. Es gab schon Aufstände an Verkaufsstellen, weil die Händler horrend hohe Preise verlangten. In Bangkok scheint dagegen genügend Nachschub vorhanden zu sein. Es wurde auch heute fleißig verkauft. Waren auf den Straßen bislang ein Drittel der Passanten gelb gekleidet, so werden es von morgen, dem 9. Juni an, so ziemlich alle sein, die dem König mit ihrem Shirt am Leibe Respekt zollen. Auch ich werde ab morgen gelb tragen.
In diesen Tagen häufen sich die elefantösen Meldungen in Thailand. Zum Beispiel die, dass der erste computeranimierte Kinofilm Thailands, der die Geschichte des Kampfelefanten „Khan Kluay“ erzählt, der laut Überlieferung im Kampf der Thais gegen die Burmesen eine wichtige Rolle gespielt haben soll, einen wahren Elefantenboom ausgelöst hat. Speziell bei der Bangkok Bank . Seitdem sie ihre Sparbuch-Variante mit dem Bild des Trickfilm-Tieres versehen haben, haben bereits 200.000 Menschen ein neues Konto eröffnet. Die meisten werden es wahrscheinlich nie nutzen, aber sie haben die bunte Karte. 100.000 neue Karten wurden bereits geordert, damit keiner zu kurz kommt. Und gestern gab es in der Provinz Ayutthaya eine einmalige Open-Air-Vorstellung von Khan Kluay für die dort lebenden Elefanten. Das Foto in der Bangkok Post heute zeigt, wie die Dickhäuter gemütlich um die Leinwand herum liegen. Ob sie der Film interessiert hat oder ob sie applaudiert haben, wird nicht berichtet. Zumindest die Besitzer der Elefanten scheinen den Film aber genossen zu haben.
Am erstaunlichsten fand ich die Meldung über den ersten königlichen Elefanten , von dessen Existenz ich bis vergangener Woche noch nichts gewusst habe. Der heißt Phra Sawet Adulyadej Phahon, hat den Rang eines Prinzen und lebt im Klaikangwol Palast in Prachuap Khiri Khan. Das 60 Jahre alte Tier bekommt zum 60-jährigen Dienstjubiläum von König Bhumibol Adulyadej ein neues Outfit aus Gold geschenkt. Die Fußringe und Ketten mit insgesamt 6 Kilo Gold haben schlappe 4 Millionen Baht, also etwa 800.000 Euro gekostet. Phra Sawet Adulyadej Phahon ist ein weißer Elefant. Seit ewigen Zeiten werden alle weißen Elefanten, die in Thailand gefunden werden, zum König gebracht, der sie dann bei sich aufnimmt. Je mehr gefunden werden, desto größer soll die Zufriedenheit und der Fortschritt im Königreich sein, sagt der Volksglaube. König Bhumipol bekam insgesamt zehn Elefanten überreicht, von denen sechs noch leben. Fünf davon besitzen den königlichen Status als „Chang Samkhan“.
