Das letzte Mal habe ich ihn auf Jays Geburtstagsparty gesehen, Anfang diesen Jahres. Es gibt leider nur dieses verwackelte Foto von dem Abend, wo er rechts neben Micha sitzt. Gestern kam die Nachricht, das er gestorben ist. Nicht in Bangkok, sondern bei seiner Familie, irgendwo auf dem Lande. Sali war ein Freund von Jay, wohnte im selben Haus im Stadtteil Bangkae und war einer aus der Truppe der „MK-Ladyboys“, einer der Schwulen, die in der MK-Restaurantkette arbeiten. Wobei Sali anders als seine Kollegen nicht quietschte, rumtuckte oder schwebte, im Gegenteil. Er war ein bodenständiger, ruhiger, zurückhaltender und manchmal etwas zu schüchterner Mensch. Sali hat im vergangenen Jahr nach einem Gelage mit Dennis und Scott, die gerade zu Besuch waren, einen völlig betrunkenen Micha aus der Sauna gezogen und im Morgengrauen nach Hause eskortiert. Micha war über seinen Filmriss beschämt, und über die Tatsache, das er nicht mehr in der Lage war , auf sich selber aufzupassen. Ich war beschämt, weil ich mich selber nicht mehr in der Lage fühlte auf andere aufzupassen, und dann der jüngere Sali diese eigentlich für mich bestimmte Rolle ganz selbstverständlich eingenommen hatte.
Das Sali zwischendurch eine Zeitlang im Krankenhaus gewesen war, hatte ich mitbekommen. Man sah ihm diesen Aufenthalt auch an. Allerdings wusste ich nicht, was ihm fehlte. Jetzt, mit der Nachricht seines Todes spricht Jay auch über die Ursache: Sali ist an den Folgen seiner HIV-Infektion gestorben.

Kurz nach 18 Uhr ist eine gute Zeit, um mit dem joggen im Lumpini-Park zu beginnen. Die täglich gespielte Königshymne ist gerade vorbei, und man muss keine Vollbremsungen mehr einplanen, weil die Leute urplötzlich bei den ersten feierlichen Klängen aus den Lautsprechern auf dem Weg stehen bleiben. Um 18 Uhr setzt zudem langsam die Dämmerung ein, man ist nicht mehr der sengenden Sonne ausgesetzt. Ich bin mir nicht so ganz sicher, ob es besonders gesund ist, bei rund 30 Grad und sehr hoher Luftfeuchtigkeit durch einen Park zu rennen, um den permanent Bangkoks Straßenverkehr tost. Außerdem zieht es Bangkoks komplette Mückenpopulation um 18 Uhr in den Park. Ich komme jedesmal mit zerstochenen Beinen zurück. Aber es tut mir irgendwie gut, spätestens nach 2,5 Kilometern mit einem klatschnassen T-Shirt durch das Grün zu hechten und zu sehen, das es den vielen anderen Joggern um mich herum nicht besser geht. Außerdem ist die Strecke spannend. Man kann fetten Waranen dabei zusehen, wie sie ihre frisch gefischte Beute zerlegen. Man kommt an Volkssport-Gruppen vorbei, die zu Thai-Disco-Rhythmen turnen. Und außerdem sitzen genügend junge Männer in Shorts und barfuß lasziv auf Parkbänken herum. Das ist nett anzuschauen, auch wenn zu vermuten ist, das den meisten dieser Männer gar nicht bewusst ist, welch erotische Wirkung sie auf homosexuelle Jogger haben können. Wenn man allerdings an der richtigen Stelle im Park anhält, um seinen Ruhepuls wiederzuerlangen, ist es auch kein Problem, ein paar „Where do you come from?“-Smalltalks mit den schwulen Thais aus der Nachbarschaft zu führen, die hier auf den Einbruch der Dunkelheit und den Beginn des Cruisings warten.