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I guess I just don’t recognize you with your clothes on (madonna – celebration)

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Archiv: Februar 2007

2007 21 Feb

So hab ick det gern

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kudamm.jpgMo, 12.2.: Auf dem Gepäckförderband rotiert ein Kondom an den Wartenden vorbei. Dann eine Packung Pfefferminz. Schließlich ein Döschen mit Kontaktlinsen. Da scheint jemand sehr wichtige Utensilien verloren zu haben am Flughafen Schönefeld. Ich packe meine Sporttasche vom Band und laufe zum Zeitschriftenshop. „Sie verkaufen Tickets für die KVB ?“ „Für die BVG meinen sie.“ „Ach ja richtig, ich bin ja jetzt in Berlin, nicht mehr in Köln.“ Die Berlinale ruft und die Recherchen für ein Buch stehen an. Berlin ist die Hauptstadt der schwulen Sexpartys, und das will ich nun erkunden.
Di, 13.2.: Berlin gibt mir den Kick. Wegen der vielen kleinen Details: Den Verkäuferinnen, die beim Plus so lustig berlinern. Wegen des ganz speziellen Geruchs in den U-Bahnhöfen, der mir durch meinen zweijährigen Aufenthalt in dieser Stadt so vertraut ist. Berlin bereitet Freude, weil man bereits am Vorabend überall eine gescheite Tageszeitung bekommt. Einziger Nachteil. Meine bed & breakfast-Unterkunft liegt in der Nähe vom Hermannplatz mitten in Neukölln. Hier gibt es ungefähr eine Milliarde Dönerbuden, aber keinen einzigen Inder. Für etwas Abwechslung in der Selbstverpflegung muss ich etwas weiter reisen.
Mi, 14.2.: Berlin zieht mich auch runter. Denn dies ist schließlich auch Micha-Stadt. Hier begann eine prima Zeit und eine prima Beziehung, die heute nicht mehr existiert. An allen möglichen Ecken fällt mir ein, was wir dort jeweils gemacht oder erlebt haben. Ich werde sentimental, was ich durch einen Besuch in der Sauna schnell wegschwitze. Die Apollo-Sauna in der Nähe des Kudamms heißt jetzt Club Brazil. Der runtergekommene Achtziger Jahre-Stil ist glücklicherweise komplett gewichen, modern ist die Bar, feurig rot sind die Wände, und ein paar brasilianische Bedienungen gibt es auch. Wahrscheinlich haben die im Vertrag stehen, das sie ihren Gästen lüstern auf den Hintern sehen sollen, denn das tun sie dauernd. Also bei Allen, mein Hintern ist nicht der Rede wert. In der Dampfsauna zum stündlichen Aufguss ist jedoch alles beim Alten. Reife Herren schwitzen und erzählen sich zotig-lustige Anekdoten über heiße Nächte zu sozialistischen Zeiten in Prag.
Do, 15.2.:
Ich bin reichlich naiv, was die Berlinale angeht. Eine halbe Stunde vor Filmbeginn darauf zu hoffen, noch ein Ticket für die Vorstellung zu bekommen ist ebenso doof, wie die Hoffnung, eine Stunde vor Beginn der Siegessäulen-Filmparty im Kosmos noch reinzukommen. Die Schlange zieht sich bis zum Rand des Bürgersteigs, und der ist auf der Karl-Marx-Straße bekanntlich sehr breit. Gut das ich mich für die Teddy-Award-Verleihung akkreditiert habe.
Fr, 16.2.: Über die Gala verliere ich an dieser Stelle nicht so viele Worte und verweise auf queer.de. Gefallen hat mir Helmut Bergers Spruch: „Warum soll man immer Äpfel essen, wenn man Erdbeeren naschen kann“, die er zur Verleihung des Ehren-Teddys an ihn sprach. Ansonsten gibt es viel zu lästern, was ich gern und ausgiebig mit dem Siegessäulen-Chefredakteur tue. Endlich treffe ich auch John Badalu, der die ganze Woche über schon Gast auf der Berlinale war. Es scheint so, das uns jeweils nur die letzte Nacht gehört, wie damals beim Filmfestival in Turin als ich ihn kennenlernte. Die wenigen Stunden bis zum Morgen verbringen wir mit sehr wenig Schlaf.

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2007 20 Feb

Atome im Kopf

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chris-in-bruxelles200.jpgThalys hat immer wieder echte Schnäppchentickets im Angebot, das machte die Fahrt für ein Wochenende nach Brüssel schmackhaft. K. holt mich am Freitagabend vom Bahnhof in Bruxelles-Midi ab, wir checken in der bed & breakfast-Unterkunft mitten in der schwulen Kneipenecke ein. K. hat in den vergangen drei Tagen nur vier Stunden geschlafen, weil er für seine Uni lernen muss. Und auch ich bin müde und erschöpft. Ein Abendessen beim Inder, ein heißes Bad in der Wanne unseres Gastgebers, zu mehr sind wir nicht mehr in der Lage. K. schläft beinahe augenblicklich ein, ich brauche noch eine Weile, weil in der Szene-Disco nebenan die Bässe wummern. Madonna singt mich in den Schlaf: „Sorry, sorry, sorry …“

Manchmal könnte ich mich für meine Trägheit hauen. Brüssel liegt so nahe von Köln aus, aber bislang habe ich es noch nicht dorthin geschafft. Dabei ist die Innenstadt mit seinen vielen alten Gebäuden wunderschön. Und wenn man den Hügel zum wuchtigen Justizpalast erklimmt, hat man einen prima Ausblick über die City. In der Ferne schimmert das frisch renovierte Atomium. K. zeigt mir alles, was er bereits von der Stadt kennt. Wir schlendern durch Parks, besichtigen Kathedralen und probieren die belgischen Waffeln, die überall am Straßenrand in VW-Bussen angeboten werden. Das Wahrzeichen Brüssels, das Atomium, das zur Weltausstellung 1958 errichtet wurde, schauen wir uns nur von außen an, den Aufstieg schenken wir uns. Stattdessen gehen wir lieber ins Kino. K. zeigt mir seinen Lieblingsfilm „The Holiday“. Eine kleine nette Komödie über beginnende und endende Beziehungen.

Die Szene besteht aus einem guten Dutzend kleiner Kneipen, die alle in einer Ecke liegen. Die Belgier scheinen die Travestie zu lieben. Kaum sind wir in einer Kneipe, beginnt dort eine ältere Transe zu trällern. Nach einem Lied ist aber schon wieder Schluss. In der nächsten Bar stehen viele Herren Damen mit den Gästen beisammen und schlürfen Cocktails. Eine Showtruppe macht sich derweil für einen späteren Auftritt fertig. In einer dritten Bar startet ebenfalls mit unserem Eintreffen das Programm auf einer Minibühne. Mitunter ist der Kopfschmuck zu groß, und die Damenimitatoren müssen sich für ihre Whitney Houston-, Shirley Bassey- und Mireille Mathieu-Nummern ganz schön ducken. Dem Club, der mich in der vergangenen Nacht in den Schlaf hämmerte, statten wir nur einen kurzen Besuch ab, in der Bar gegenüber herrscht eher Lounge-Atmosphäre mit echtem DJ und echten Vinyl-Platten. Ein letztes belgisches Bier zu „Tainted Love“, bevor wir uns in die Privatgemächer zurückziehen. Bei der Abreise am Sonntagmorgen steht für mich fest. Ich komme gerne wieder.

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2007 19 Feb

Neulich im schwulen Buchladen

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orgasmusb.jpg„Da sind die Tage so schweinische Bücher angekommen“ begrüßt mich der Buchhändler vom „Brunos“ am Friesenwall. „Oh, wo denn?“ frohlocke ich, und eile zum Stapel mit dem „Orgasmusbuch“ , unserem jüngsten Werk. Ich blättere durch die Seiten, die ich wenige Wochen zuvor als PDF am Bildschirm gecheckt und zum Druck freigegeben habe. Sieht gut aus. Aber, hoppla: Da sind ja Seiten doppelt! „Offensichtlich ein Fehldruck“ überreiche ich dem Buchhändler das Exemplar. Der Kunde, mit dem dieser gerade plauderte wird neugierig und folgt mir zum Stapel, aus dem ich jetzt ein weiteres Exemplar greife. Er schaut mir über die Schulter, während ich durchblättere und meint dann etwas abschätzig: „Na ja, wer’s braucht. Wer kauft denn so was?“ „Ich denke, das ist so ein typisches schwules Geburtstagsgeschenk,“ antworte ich. Mit einem weiteren „Na ja …“ kehrt der Kunde zum Buchhändler zurück. Ich finde noch ein Buch, das nicht in Ordnung ist, diesmal fehlen Seiten. „Kriegt er Geld dafür, das er all Eure Bücher nach Fehlern durchschaut?“ fragt der Kunde und lacht. „Nö. Das ist einer der Autoren,“ klärt der Buchhändler auf. Der Kunde hört auf zu Lachen und läuft rot an. „Ich nehme alles zurück, was ich vorhin gesagt habe!“ ruft er mir zu. Ich versuche ihn wieder auf normale Hauttöne runterzuschrauben und sage, das ich mit seiner Wertung keine Probleme habe. „Gute Geschäfte!“ ruft er mir noch hinterher, als ich den Laden verlasse. Ich finde, "Inkognito" ist ein schönes Wort …

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2007 8 Feb

Su lang mer noch am levve sin

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gloria.jpgDie Klofrau vom Gloria-Theater stöhnt. „Da muss man mit Jeföhl ranjon, nich ruckzuck!“ Sie fummelt am Papierhandtuchspender im Herrenklo rum, der grad wegen unsachgemäßer Bedienung streikt. Sie bekommt es aber in den Griff, sie ist schließlich hier die Herrin. Wenige Minuten später sitzt sie wieder vor ihrem Groschenteller. Ein betrunkener schwuler Pirat umarmt sie: „Das Programm ist so schlecht, hier ist doch viel mehr Stimmung!“ behauptet der Seeräuber, und die Klofrau lacht zustimmend.
Im Saal eine Etage höher sieht man das ganz anders. Die Menge tobt, weil die Nikuta auf der Bühne gerade ihre vierte Zugabe gibt. Marie Luise Nikuta, das rothaarige Mottolied-Urgestein des kölschen Karnevals (Mir all sin Kölle) schunkelt wie wild mit der schwulen „Stattgarde“. Sie scheint auch nicht beleidigt zu sein, obwohl die Kutschallas sie zuvor sehr böse anmoderiert hatten: Sie sei seit 470 Jahren beim kölschen Karneval dabei. Was möglicherweise sogar fast hinhaut. Willkommen beim schwul-lesbischen Karneval, willkommen bei der Gloria-Sitzung, die am 2. Februar Premiere hatte.
Jay, der gerade bei mir zu Besuch ist, macht große Augen. Frauen in kurzen Röcken und roten Stiefeln, die durch die Luft geworfen werden, so etwas gibt es in Thailand nicht. Auch keine bärigen Kerle mit Puscheln in der Hand (Pink Poms). Und die Rosa Funken sind für ihn ebenfalls außerordentlich exotisch. Aber es macht ihm zunehmend Spaß. Eingeklemmt zwischen geschminkten Matrosen und einem niedlichen älteren Pärchen aus Düsseldorf („Wir haben die Karten in der Box gewonnen“), schunkelt er bald wie ein echter Kölner. Da stört es auch nicht, das nur deutsch gesprochen wird. Die Gloria-Sitzung bietet aus gutem Grund kein Programm mit Tiefgang. Sämtliche kabarettistischen Einlagen gehen im lautstarken Desinteresse des Publikums unter. Das will lieber auf den Tischen tanzen und entsprechend bedient werden. Am liebsten auf kölsch.
Aus dem Gay-Klassiker „Enough is enough“ wird ein „Alaaf is Alaaf“, und bei der Brings-Nummer „Su lang mer noch am levve sin“ reißt es selbst mich, den Immi, komplett von der Bierbank (na jut, da waren inzwischen schon ein paar Biere mit im Spiel). Ich flirte heftig mit einem der Matrosen aus Heidelberg, und während ich lautstark den Refrain mitgröhle, spüre ich die wohltuenden Kräfte des Karnevals. „Su lang mer noch am levve sin, am laache, kriesche, danze sin, su lang – mer noch am levve sin …“

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