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Archiv: Donnerstag, 8. Februar 2007

2007 8 Feb

Su lang mer noch am levve sin

Abgelegt unter: Köln,Schwul | RSS 2.0 | TB | 1 Kommentar

gloria.jpgDie Klofrau vom Gloria-Theater stöhnt. „Da muss man mit Jeföhl ranjon, nich ruckzuck!“ Sie fummelt am Papierhandtuchspender im Herrenklo rum, der grad wegen unsachgemäßer Bedienung streikt. Sie bekommt es aber in den Griff, sie ist schließlich hier die Herrin. Wenige Minuten später sitzt sie wieder vor ihrem Groschenteller. Ein betrunkener schwuler Pirat umarmt sie: „Das Programm ist so schlecht, hier ist doch viel mehr Stimmung!“ behauptet der Seeräuber, und die Klofrau lacht zustimmend.
Im Saal eine Etage höher sieht man das ganz anders. Die Menge tobt, weil die Nikuta auf der Bühne gerade ihre vierte Zugabe gibt. Marie Luise Nikuta, das rothaarige Mottolied-Urgestein des kölschen Karnevals (Mir all sin Kölle) schunkelt wie wild mit der schwulen „Stattgarde“. Sie scheint auch nicht beleidigt zu sein, obwohl die Kutschallas sie zuvor sehr böse anmoderiert hatten: Sie sei seit 470 Jahren beim kölschen Karneval dabei. Was möglicherweise sogar fast hinhaut. Willkommen beim schwul-lesbischen Karneval, willkommen bei der Gloria-Sitzung, die am 2. Februar Premiere hatte.
Jay, der gerade bei mir zu Besuch ist, macht große Augen. Frauen in kurzen Röcken und roten Stiefeln, die durch die Luft geworfen werden, so etwas gibt es in Thailand nicht. Auch keine bärigen Kerle mit Puscheln in der Hand (Pink Poms). Und die Rosa Funken sind für ihn ebenfalls außerordentlich exotisch. Aber es macht ihm zunehmend Spaß. Eingeklemmt zwischen geschminkten Matrosen und einem niedlichen älteren Pärchen aus Düsseldorf („Wir haben die Karten in der Box gewonnen“), schunkelt er bald wie ein echter Kölner. Da stört es auch nicht, das nur deutsch gesprochen wird. Die Gloria-Sitzung bietet aus gutem Grund kein Programm mit Tiefgang. Sämtliche kabarettistischen Einlagen gehen im lautstarken Desinteresse des Publikums unter. Das will lieber auf den Tischen tanzen und entsprechend bedient werden. Am liebsten auf kölsch.
Aus dem Gay-Klassiker „Enough is enough“ wird ein „Alaaf is Alaaf“, und bei der Brings-Nummer „Su lang mer noch am levve sin“ reißt es selbst mich, den Immi, komplett von der Bierbank (na jut, da waren inzwischen schon ein paar Biere mit im Spiel). Ich flirte heftig mit einem der Matrosen aus Heidelberg, und während ich lautstark den Refrain mitgröhle, spüre ich die wohltuenden Kräfte des Karnevals. „Su lang mer noch am levve sin, am laache, kriesche, danze sin, su lang – mer noch am levve sin …“

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