Mo, 12.2.: Auf dem Gepäckförderband rotiert ein Kondom an den Wartenden vorbei. Dann eine Packung Pfefferminz. Schließlich ein Döschen mit Kontaktlinsen. Da scheint jemand sehr wichtige Utensilien verloren zu haben am Flughafen Schönefeld. Ich packe meine Sporttasche vom Band und laufe zum Zeitschriftenshop. „Sie verkaufen Tickets für die KVB ?“ „Für die BVG meinen sie.“ „Ach ja richtig, ich bin ja jetzt in Berlin, nicht mehr in Köln.“ Die Berlinale ruft und die Recherchen für ein Buch stehen an. Berlin ist die Hauptstadt der schwulen Sexpartys, und das will ich nun erkunden.
Di, 13.2.: Berlin gibt mir den Kick. Wegen der vielen kleinen Details: Den Verkäuferinnen, die beim Plus so lustig berlinern. Wegen des ganz speziellen Geruchs in den U-Bahnhöfen, der mir durch meinen zweijährigen Aufenthalt in dieser Stadt so vertraut ist. Berlin bereitet Freude, weil man bereits am Vorabend überall eine gescheite Tageszeitung bekommt. Einziger Nachteil. Meine bed & breakfast-Unterkunft liegt in der Nähe vom Hermannplatz mitten in Neukölln. Hier gibt es ungefähr eine Milliarde Dönerbuden, aber keinen einzigen Inder. Für etwas Abwechslung in der Selbstverpflegung muss ich etwas weiter reisen.
Mi, 14.2.: Berlin zieht mich auch runter. Denn dies ist schließlich auch Micha-Stadt. Hier begann eine prima Zeit und eine prima Beziehung, die heute nicht mehr existiert. An allen möglichen Ecken fällt mir ein, was wir dort jeweils gemacht oder erlebt haben. Ich werde sentimental, was ich durch einen Besuch in der Sauna schnell wegschwitze. Die Apollo-Sauna in der Nähe des Kudamms heißt jetzt Club Brazil. Der runtergekommene Achtziger Jahre-Stil ist glücklicherweise komplett gewichen, modern ist die Bar, feurig rot sind die Wände, und ein paar brasilianische Bedienungen gibt es auch. Wahrscheinlich haben die im Vertrag stehen, das sie ihren Gästen lüstern auf den Hintern sehen sollen, denn das tun sie dauernd. Also bei Allen, mein Hintern ist nicht der Rede wert. In der Dampfsauna zum stündlichen Aufguss ist jedoch alles beim Alten. Reife Herren schwitzen und erzählen sich zotig-lustige Anekdoten über heiße Nächte zu sozialistischen Zeiten in Prag.
Do, 15.2.: Ich bin reichlich naiv, was die Berlinale angeht. Eine halbe Stunde vor Filmbeginn darauf zu hoffen, noch ein Ticket für die Vorstellung zu bekommen ist ebenso doof, wie die Hoffnung, eine Stunde vor Beginn der Siegessäulen-Filmparty im Kosmos noch reinzukommen. Die Schlange zieht sich bis zum Rand des Bürgersteigs, und der ist auf der Karl-Marx-Straße bekanntlich sehr breit. Gut das ich mich für die Teddy-Award-Verleihung akkreditiert habe.
Fr, 16.2.: Über die Gala verliere ich an dieser Stelle nicht so viele Worte und verweise auf queer.de. Gefallen hat mir Helmut Bergers Spruch: „Warum soll man immer Äpfel essen, wenn man Erdbeeren naschen kann“, die er zur Verleihung des Ehren-Teddys an ihn sprach. Ansonsten gibt es viel zu lästern, was ich gern und ausgiebig mit dem Siegessäulen-Chefredakteur tue. Endlich treffe ich auch John Badalu, der die ganze Woche über schon Gast auf der Berlinale war. Es scheint so, das uns jeweils nur die letzte Nacht gehört, wie damals beim Filmfestival in Turin als ich ihn kennenlernte. Die wenigen Stunden bis zum Morgen verbringen wir mit sehr wenig Schlaf.
