8:14 Uhr, S-Bahnhof Köln Trimbornstraße. M. ruft an: „Na, bist Du schon unterwegs auf dem Weg zum Flughafen?“ „Ja klar, meine S-Bahn kommt gerade. Das schaffe ich locker, um 9:50 Uhr geht der Flieger.“ „Na, dann eine schöne Pressereise nach Kroatien“. „Jo, danke, wird schon nett werden.“
„Nächster Halt: Airport Businesspark“ verrät die Stimme aus dem Lautsprecher. Sch****, ich sitze in der falschen S-Bahn. Man sollte nicht telefonieren, während man einen Zug besteigt. Ich springe am Businesspark raus, die Bahn zurück zur Trimbornstraße steht noch im Gleis gegenüber, fährt mir vor der Nase weg. Erst in 20 Minuten, um 8:39 Uhr, geht laut Fahrplan die nächste Bahn. Das wird knapp, ein Taxi wäre jetzt sinnvoll. Der Businesspark liegt aber mitten in der Pampa. Auf den Straßen ist gerade überhaupt kein Auto unterwegs. Ein Mann im Anzug pinkelt an einen Busch. Also zurück zur S-Bahn-Station und Warten. Die Sonne scheint bereits warm an diesem letzten Donnerstag im April. Hallo Schweißperlen! 8:39, 8:40, 8:41 Uhr, die Bahn kommt mit Verspätung an. Um 8:46 Uhr erreiche ich Trimbornstraße, die S 13 zum Flughafen ist seit zwei Minuten weg. Ich rase in Richtung Kalk-Post, da gibt es normalerweise immer Taxen. Nur haben die sich gerade alle versteckt. Ich rufe die Taxizentrale, warte vor dem Kaufhof auf die gelbe Erlösung. 8:58, 8:59, 9:00 Uhr, kein Taxi in Sicht. In 20 Minuten schließt der Schalter von TUIfly! Ich renne zurück zur Haltestelle Trimbornstraße, um 9:06 Uhr wird die nächste Verbindung von dort fahren. Die S-Bahn braucht neun Minuten bis zum Flughafen, das Taxi ist jetzt keinesfalls mehr schneller. Der Zug ist fast pünktlich, um 9:18 Uhr erreiche ich den Flughafen. Um 9:22 Uhr taumle ich in die Abflugebene, der Schalter für Rijeka hat gerade eben geschlossen. Die Frau am Schalter schaut skeptisch „Ich habe sie schon mehrfach ausrufen lassen. Ich checke sie ausnahmsweise noch ein, aber sie können kein Gepäck mehr aufgeben. Haben sie Flüssigkeiten dabei?“ Ich erhalte meine Bordkarte, aber es ist keine Zeit mehr, irgendwo einen verschließbaren Plastikbeutel zu organisieren. Also füttere ich den nächsten Mülleimer mit dem Inhalt meines Kulturbeutels: Zahnpasta, Cremes, Parfüm. 70 Euro mal eben so vernichtet. Opatija (Foto), ich komme. Auf den letzten Drücker, aber alles andere als frisch.
Archiv: April 2007
2007 26 Apr
Wie man prima ins Schwitzen kommt
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Fünf Tage Krakau, das bietet genug Zeit, Kontakt mit der hiesigen Bevölkerung aufzunehmen. „Du bist aber suss auch mit deine 14 Jahren.“ Ich finde den kleinen Zahlendreher und das merkwürdige Kompliment von R. süß, der mich über gayromeo kontaktiert. Der junge Mann, der im Chat und über seine Bilder eher locker und lustig rüberkommt, entpuppt sich beim Treff in der Pizzeria als introvertierter unsicherer Typ mit depressiven Tendenzen. Sein Studium, die Stadt, das Wasser in den Leitungen, die Musik auf den Schwulenpartys, das Leben in Polen, all das kommentiert er mit seinem Lieblingsspruch: „Ich hasse das.“ Stuttgart dagegen, wo er eine Zeitlang gelebt hat, findet er toll.
Die Spartacus-Sauna befindet sich in einem schnuckeligen alten Haus, die Inneneinrichtung dagegen enttäuscht durch Lieblosigkeit und beginnende Verwahrlosung. Hier treffen sich die älteren Generationen. Männer, die schon mal 200 Kilometer mit dem Auto zurücklegen, um am Wochenende endlich aus ihrem Dorf zu kommen und in der Stadt Spaß zu haben. Der Gedanke, an einer Demonstration teilzunehmen, wie sie am Samstag stattgefunden hat, liegt ihnen völlig fern. Die Ängste sind zu groß. In der Sauna selber geht es ohne Scheu zur Sache. Besonders bedrängend ein Mann vom Typ lustiger Bauer, der beginnt, mich zu begrabbeln. Ich entziehe mich höflich seiner Hartnäckigkeit. Der Bauer versucht sein Glück im Darkroom, wo penetrantes Vögelgezwitscher vom Band zu vernehmen ist. R. hätte jetzt vermutlich formuliert: „Vögelmusik – Ich hasse das.“
Im Club Cocon kann man sich schnell ziemlich alt fühlen, vor allem, wenn man zu früh auftaucht. Ich bin einer der Ältesten inmitten der Kiddies, die zu Madonna tanzen. Glücklicherweise tauchen gegen Mitternacht die anderen Delegationsmitglieder auf, und auch sonst ist der Altersschnitt gestiegen. Der Flirtfaktor geht erst langsam in die Höhe, parallel zum Alkoholpegel. Während der Krakauer vor den ersten Bieren und Wodkas den direkten Blickkontakt vermeidet, werden die Kontaktversuche zu vorgerückter Stunde offener und direkter. Zudem völlig verblüffend für mich: Poppers ist zurückgekehrt auf die Tanzfläche. Mehrere der Kids schnüffeln während des Tanzens an dem Fläschchen mit dem typischen Geruch.
Das Ciemnia ist Krakaus einzige Cruisingbar, so eine Art Kölner Midnight Sun, nur in klein. Also eine Kellerbar mit dunklen Nischen zum Verstecken spielen. Wirklich außergewöhnlich finde den erhöhten Laufsteg, mit einer Löcherwand davor. Anonyme orale Dienstleistungen lassen sich so bequem für beide Beteiligten durchführen. Hier wie in den anderen dunklen Ecken des Ladens sind die Krakauer alles andere als scheu. Und zudem auch noch ausgesprochen höflich. Der Herr in dem weißen Hemd verabschiedet sich mit Handschlag von mir, bevor er wieder die Kabine verlässt. So was ist mir noch in keiner Bar passiert.
Samstags um 12 ist die Touristenwelt auf dem zentralen Marktplatz in Krakau noch in Ordnung. Die Horden hören dem Trompeter von der Basilika beim stündlichen Ständchen zu, lassen sich mit merkwürdig verkleideten Menschen, die als Drachen oder Löwen herumlaufen, fotografieren. Und sie futtern massenweise Kebab – die Portion für sieben Zloty – das man an den zahlreichen Buden, die die Innenstadt mit Knoblauchduft überziehen, ordern kann. Etwas irritierend sind jedoch die vielen blauen vergitterten Polizeiwagen, die mittlerweile Stellung bezogen haben. Auch die feisten jungen Männer mit den eingerollten Transparenten, die über den Platz eilen, passen nicht ganz in das sonstige Szenario. Als an einem Hostel zwischen zwei Fenster ein Banner mit der Aufschrift „Tolerancja“ gespannt wird, ist spätestens klar: Hier braut sich was zusammen.
Die Schwulen und Lesben gehen es etwas gemütlicher an als die rechtsradikalen Gegendemonstranten. Die ersten TeilnehmerInnen trudeln nach halb eins am Platz Matejki ein, bepackt mit einem Haufen Luftballons. Um eins sind rund 1.000 Personen da. Regenbogenfahnen und Regenbogen-Regenschirme werden ausgepackt, der „Marsch für Toleranz“ kann losgehen. Nicht weit entfernt davon haben sich die „Allpolnische Jugend“ und deren Sympathisanten versammelt, schätzungsweise 200 junge Männer. Deren Transparente sind jetzt ebenfalls entrollt. „Tut euch nicht der Arsch weh?“ fragen sie auf einem Banner. Die Lesben sind irritiert über die Frage.
Rund 400 martialisch gekleidete Polizisten halten die bunte Truppe und die homophoben Männer schön säuberlich getrennt. Wir laufen über den Planty, den Grüngürtel, der sich um das Stadtzentrum schlängelt. Viele weitere Menschen schließen sich dem Marsch an, so das es schließlich rund 2.000 TeilnehmerInnen am Ende sind. Alles verläuft friedlich, die Stimmung ist gut. Kurz vor dem Marktplatz gerät die Demo aber ins Stocken. Die Polizei bekommt Arbeit. Ein paar Homogegner haben eine Sitzblockade errichtet. Der Wasserwerfer kommt kurz zum Einsatz. Die schwul-lesbische Truppe kann die letzten Meter bis zum Marktplatz laufen. Als die Spitze der Demo dort ankommt, wird gejubelt und geklatscht. Die Bewegung hat zum allerersten Mal Krakaus gute Stube betreten dürfen.
Weit hinein kommen wir allerdings nicht. Weitere Sitzblockaden hindern uns, die Polizei bildet eine dichte unverrückbare Mauer zwischen den Kontrahenten. Es gibt ein paar Festnahmen gewaltbereiter Jugendlicher, ein Polizist wird leicht verletzt. Wie das Fernsehen später zeigen wird, wurden auch ein par Waffen sichergestellt: Zwei Messer, eine Pistole, ein Gewehr. Die Bedrohung, die während der Demonstration kaum zu spüren war, sie war real. Dem Geschrei der Allpolnischen Jugend setzen die Schwulen und Lesben ein friedliches Zeichen entgegen. Die Luftballons werden gemeinsam losgelassen. Sie steigen in den blauen Himmel und machen Krakau für einen seltenen Moment sichtbar kunterbunt.
Die Kaczynski-Brüder haben offiziell Hausverbot im „Flower Power“, einer netten alternativen Seventies-Retro-Bar in Krakau, in der man sich auf Kissen fläzen und Wasserpfeife rauchen kann. Ein Sticker in Form eines Verkehrsschildes am Eingang weist auf das politische Statement zur aktuellen polnischen Regierung hin: Die ungeliebten Politiker werden hier gern als dicke Enten dargestellt. Die Bar ist Hauptquartier der Veranstalter des „Festivals für Toleranz“. Hier laufen die Infofäden zusammen, hier kann man sich mit Stickern und dem hübschen Plakat eindecken, gegen Spende, versteht sich. Plakativ ist wie im letzten Jahr die Botschaft der rechtsradikalen Gruppierungen in dieser Stadt. Auf vielen Litfass-Säulen prangen gelbe Plakate, die einen „Stop der Förderung von Homosexualität“ fordern. Wo immer es ging, haben Schwule und Lesben die Pamphlete überklebt mit der Adresse ihrer Website oder sie mit dem deutschen „Nazi Raus!“ übersprüht. Neu ist in diesem Jahr die Reaktion der Sozialdemokraten. Sie haben ebenfalls Plakate kleben lassen. „Stop Homophobie“ ist die Botschaft, drastisch bebildert mit Stacheldraht und dem Rosa Winkel, der an die Verfolgung und Ermordung Homosexueller während der Nazi-Zeit erinnert.
Im Flower Power wird am Freitagnachmittag ordentlich gepinselt, Stoffbanner in den polnischen Nationalfarben werden kunterbunt mit dem Wort „Tolerancja“ bemalt. Emanzipation in Polen scheint stets eingebettet zu sein in ein Stück Patriotismus.
Donnerstag Mittag, die elfköpfige Delegation aus Köln landet auf dem Flughafen Johannes Paul II. in Krakau. Die polnische Stadt macht es den Besuchern des 4. schwul-lesbischen „Festiwal dja Tolerancja“ nicht ganz einfach. Der Zug in die Innenstadt kommt nicht. Stattdessen werden wer in mit Dutzend anderen in einen Bus gepfercht. Immerhin, die Sonne scheint.
Ich bin einem Apartment untergebracht, das schwule Historie in sich birgt. „In den Achtzigern wurden die Räume als Fotostudio für schwule Pornomagazine in den Niederlanden genutzt“, erzählt der Gastgeber. Ein paar alte Kameras an der Decke erinnern noch an das lustvolle Arbeiten in dem ehemaligen Lagerraum. Am Samstag wird der Marsch für Toleranz durch die Innenstadt ziehen, die rechtsradikale „Allpolnische Jugend“ hat bereits offen gedroht: "Wir werden nicht gestatten, dass die Sodomiten den Rathausplatz erreichen". Sie wollen sich mit einer Gegendemonstration den Schwulen und Lesben entgegen stellen.
Alexander vom Schwulen Netzwerk kennt die Situation aus dem vergangen Jahr. Vereinzelt sind Flaschen, Steine und Eier geflogen, trotz massivem Polizeiaufgebots, erzählt er. Jetzt verstehe ich auch, warum er die Regenschirme mit dem Regenbogenmuster mitgebracht hat. Sie sollen nicht vor Nässe schützen. Auf dem historischen Marktplatz zaubert ein junger Mann riesige Seifenblasen, die regenbogenbunt schillern. Werten wir das mal als gutes Omen.
