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Archiv: Sonntag, 22. April 2007

2007 22 Apr

Tut Euch der Arsch nicht weh?

Abgelegt unter: Schwul | RSS 2.0 | TB | 1 Kommentar

image007.jpgSamstags um 12 ist die Touristenwelt auf dem zentralen Marktplatz in Krakau noch in Ordnung. Die Horden hören dem Trompeter von der Basilika beim stündlichen Ständchen zu, lassen sich mit merkwürdig verkleideten Menschen, die als Drachen oder Löwen herumlaufen, fotografieren. Und sie futtern massenweise Kebab – die Portion für sieben Zloty – das man an den zahlreichen Buden, die die Innenstadt mit Knoblauchduft überziehen, ordern kann. Etwas irritierend sind jedoch die vielen blauen vergitterten Polizeiwagen, die mittlerweile Stellung bezogen haben. Auch die feisten jungen Männer mit den eingerollten Transparenten, die über den Platz eilen, passen nicht ganz in das sonstige Szenario. Als an einem Hostel zwischen zwei Fenster ein Banner mit der Aufschrift „Tolerancja“ gespannt wird, ist spätestens klar: Hier braut sich was zusammen.

Die Schwulen und Lesben gehen es etwas gemütlicher an als die rechtsradikalen Gegendemonstranten. Die ersten TeilnehmerInnen trudeln nach halb eins am Platz Matejki ein, bepackt mit einem Haufen Luftballons. Um eins sind rund 1.000 Personen da. Regenbogenfahnen und Regenbogen-Regenschirme werden ausgepackt, der „Marsch für Toleranz“ kann losgehen. Nicht weit entfernt davon haben sich die „Allpolnische Jugend“ und deren Sympathisanten versammelt, schätzungsweise 200 junge Männer. Deren Transparente sind jetzt ebenfalls entrollt. „Tut euch nicht der Arsch weh?“ fragen sie auf einem Banner. Die Lesben sind irritiert über die Frage.

image037.jpgRund 400 martialisch gekleidete Polizisten halten die bunte Truppe und die homophoben Männer schön säuberlich getrennt. Wir laufen über den Planty, den Grüngürtel, der sich um das Stadtzentrum schlängelt. Viele weitere Menschen schließen sich dem Marsch an, so das es schließlich rund 2.000 TeilnehmerInnen am Ende sind. Alles verläuft friedlich, die Stimmung ist gut. Kurz vor dem Marktplatz gerät die Demo aber ins Stocken. Die Polizei bekommt Arbeit. Ein paar Homogegner haben eine Sitzblockade errichtet. Der Wasserwerfer kommt kurz zum Einsatz. Die schwul-lesbische Truppe kann die letzten Meter bis zum Marktplatz laufen. Als die Spitze der Demo dort ankommt, wird gejubelt und geklatscht. Die Bewegung hat zum allerersten Mal Krakaus gute Stube betreten dürfen.

Weit hinein kommen wir allerdings nicht. Weitere Sitzblockaden hindern uns, die Polizei bildet eine dichte unverrückbare Mauer zwischen den Kontrahenten. Es gibt ein paar Festnahmen gewaltbereiter Jugendlicher, ein Polizist wird leicht verletzt. Wie das Fernsehen später zeigen wird, wurden auch ein par Waffen sichergestellt: Zwei Messer, eine Pistole, ein Gewehr. Die Bedrohung, die während der Demonstration kaum zu spüren war, sie war real. Dem Geschrei der Allpolnischen Jugend setzen die Schwulen und Lesben ein friedliches Zeichen entgegen. Die Luftballons werden gemeinsam losgelassen. Sie steigen in den blauen Himmel und machen Krakau für einen seltenen Moment sichtbar kunterbunt.

Weitere Bilder vom Marsch  

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