Seine Freunde nennen ihn so: Guru. Nicht mal ein Jahr lebt der junge Mann aus Asien in Berlin und lernt die deutsche Sprache. Für diese kurze Zeit ist er schon ziemlich fit in dieser komplizierten Materie. Das blaue Einwohnermeldeamt hat uns vor Wochen zum regelmäßigen Chat zusammengeführt. Wir haben auf Anhieb eine Gesprächsebene, die prima funktioniert. Mein Aufenthalt in Berlin gibt uns die Gelegenheit, uns real zu sehen. Er kennt noch nicht so viel von der Stadt, fühlt sich häufig unsicher. Als wir uns zum Abendessen in der Oranienstraße treffen, stoßen wir auf eine nicht weiter ungewöhnliche Demo von Linksautonomen, die gegen das Übliche protestieren: Immobiliengeschäfte mit besetzten Häusern. Guru will einen großen Bogen schlagen um die schwarz gekleideten Demonstranten. Zudem ist er konditioniert darauf, nach außen hin alles zu tun, um straight zu wirken. Er will nicht, das irgendjemand sieht, das er schwul ist. Die Szeneorte meidet er, es könnte ihn ja einer seiner Heterofreunde dort sehen. Umarmungen in der Öffentlichkeit fallen sehr kumpelig aus, lieber begrüßt er einen mit einem freundschaftlichem Knuff in die Seite. Berührungen und Küsse gibt es nur, wenn keine Zeugen da sind. Dann aber gibt es kein Halten. Ich zeige ihm, wie man Poppers nutzt, worauf er total abfährt. Ich bin verblüfft, wie schnell er lernt, es einzusetzen, als sei er ein langjähriger Profi. Guru ist aufgeschlossen, lässt sich auch auf der Toilette am Flughafen für ein kurzes „Zwischenspiel“ kurz vor meinem Abflug zurück nach Köln, verführen. Ich liebe diese erotischen Kicks im Alltag! Und ich mag Guru. Nicht nur wegen seiner Abenteuerlaune.
